Rezension “Ein kleines Wunder würde reichen” von Penny Joelson – FISCHER FJB

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: FISCHER FJB; Auflage: 1 (23. Mai 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3841440231
ISBN-13: 978-3841440235
D: 16,99 Euro


Inhalt:

»Ich kann mich nicht bewegen, und ich kann nicht sprechen. So ist es schon mein Leben lang. Manche Leute reden über mich, als sei ich gar nicht da. Das hasse ich. Andere weihen mich in ihre Geheimnisse ein…«

Jemma kennt ein schreckliches Geheimnis: In ihrer Nachbarschaft ist ein Mord passiert, und sie weiß, wer es getan hat. Denn die Leute erzählen ihr Dinge, weil Jemma nichts weitersagen kann. Sie ist vollständig gelähmt und kann sich weder bewegen noch sprechen. Aber Jemma entgeht nichts. Als sie mit dem furchtbaren Geheimnis konfrontiert wird, ist sie völlig hilflos. Jemma weiß, dass ihr nur ein kleines Wunder helfen kann. Und sie ist fest entschlossen, alles für dieses Wunder zu tun.

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Die Autorin:

Penny Joelson hat im Alter von sechzehn Jahren begonnen, mit schwerbehinderten Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. In »Ein kleines Wunder würde reichen« hat sie viele ihrer Erfahrungen einfließen lassen. Sie lebt mit ihrer Familie in Hertfordshire und gibt Kurse für Kreatives Schreiben am City Lit College in London, wenn sie nicht gerade selbst schreibt.

Quelle: Amazon

Rezension:

Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sich Jemma ein Leben lang fühlen musste. Gefangen im eigenen Körper, mit einer Intelligenz, die sie auch kleine Details und Schwingungen in ihrem Umfeld genau erfassen lässt, aber beraubt, jeglicher Möglichkeit einer Kommunikation mit der Außenwelt. Alle Gedanken und Gespräche finden nur in Jemmas Kopf statt. Stellt Euch vor, ihr wärt in allem, wirklich allem, auf andere Menschen angewiesen. Ihr wärt abhängig von der Beobachtungsgabe und der Empathie anderer. Interaktionen sind unmöglich.

Jemma hat das Glück, in einer Pflegefamilie aufzuwachsen, die sie liebt, so wie sie ist, aber keine Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen.

Menschen wir Jemmas Pflegeeltern muss man einfach bewundern. In Ihrem Haushalt leben noch zwei weitere Kinder, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Dennoch werden alle geliebt und die beiden gehen zum Teil über die eigenen Kraftreserven hinaus, um ihnen ein relativ normales Familienleben bieten zu können. Etwas, wozu die leiblichen Eltern nicht bereit oder in der Lage dazu waren. Die Struktur und Lebenssituationen innerhalb dieser Familienkonstruktion werden eindringlich und ohne Pathetik erzählt, was mich sehr beeindruckte.

Allein die Grundsituation, in der sich Jemma befindet, weckte mein Interesse. Ich war gespannt, wie die Autorin die Geschichte umsetzt. Die Konflikte und Probleme, die sich durch Jemmas Krankheit ergeben sowie die neuen medizinischen Möglichkeiten, die ihr eine Kommunikation mit der Außenwelt ermöglichen könnten, scheinen wirklich gut recherchiert. Die Umsetzung gefiel mir sehr gut. Dieser Erzählstrang wirkte authentisch und berührend. Man hofft und bangt, dass eine neue Möglichkeit der medizinischen Forschung die Lösung bringt und es Jemma ermöglicht, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen und sich mitzuteilen.

Jemma ist frustriert über ihr Schicksal und fragt sich auch: „Warum ich? Was ist ein derartiges Leben wert?“ Aber da ist dieser unbändige Lebenswille. Es gibt so Vieles, wofür es sich zu leben lohnt. Sie gibt nicht auf und kämpft. Ihre Freude darüber, zeigen zu können, was sie kann, Gefühle auszudrücken, Wünsche zu äußern. Wie klein diese Dinge, wie normal sie uns erscheinen, so groß und wichtig sind sie für Jemma. 

Ihr, wenn auch fiktives Schicksal, hat mich lange beschäftigt. Jemma steht für andere Kinder und Erwachsene, für die dieses Leben Realität ist und ich hoffe, die Wissenschaft findet Wege, ihnen zu helfen und weitere Möglichkeiten der Kommunikation zu schaffen.

Auf der anderen Seite schweben das Geheimnis, welches Jemma erfahren hat und ihre Sorge um die verschwundene Sarah wie eine unheilvolle Wolke über ihr. Dieser Part rückt allerdings eher in den Hintergrund und dient für mich nur dazu, den Spannungsbogen immer wieder hochzuhalten. Die Auflösung erfolgt dann auch entsprechend simpel und ist sehr von Zufällen geprägt. Dieser Teil konnte mich am Schluss nicht wirklich überzeugen, ist aber aufgrund der vorherigen Handlung zu verzeihen.

Im Nachhinein wünscht man sich als Leser weitere ins Detail gehende Ausführungen. Dies ist aber so nicht möglich, da die Geschichte ausufern und sich sicher auch vom Jugendbuch weit entfernen würde. So können bestimmte Thematiken einfach nur angerissen werden, die eigentlich viel komplexer sind. Dadurch entstehen Fragen, die die Autorin nicht beantwortet. Eigentlich schade, aber es hätte den Rahmen des Buches gesprengt.

Penny Joelsen zeigt uns, dass in vielen Menschen mehr steckt, als man auf den ersten Blick erkennt und wir uns einfach einmal die Zeit nehmen sollten, hinter die Fassade zu blicken. Vielleicht hilft dieses Buch auch Berührungsängste abzubauen. Es macht Mut und gibt Hoffnung.

Die Autorin geht sehr sensibel mit ihren Protagonisten um. Dabei ist nichts Sentimentales in ihrem Erzählstil. Es geht hier nicht darum, Mitleid zu erregen. Nein, sie zeigt, wie viel Kraft und auch seelische Stärke ihrer Heldin innewohnt. Sie vermittelt Respekt vor Jemma und jedem, der mit dieser Krankheit leben muss.

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