Wie öffnet man eine Dose?

Wieso schreibe ich über eine so simple Angelegenheit einen
Artikel? 
Ganz einfach, weil ich mit Erschrecken
feststellen musste, wie ignorant wir auch als Eltern durchs Leben gehen. Wir
setzen Dinge einfach voraus, reden darüber und denken oft nicht daran, dass
alles im Leben erlebt oder gelernt werden muss.
Eigentlich sollte es doch ganz einfach
sein, eine Getränkedose zu öffnen. Einfach an der Lasche aufziehen und aus der
entstandenen Öffnung trinken bzw. die Flüssigkeit in ein Glas kippen. Ja, nur
wie ist das, wenn man im täglichen Leben nur Flaschen benutzt und in Zeiten des
Dosenpfandes in seinem Umfeld auch keine Dosen vorfindet? Unsere Familie
besteht aus ausgesprochenen “Flaschentrinkern”. Flaschen sind
praktisch, beinhalten mehr und sind vor allem wieder verschließbar – im
Gegensatz zur Dose. Abgesehen vom Preis-Leistungs-Verhältnis mag ich persönlich das Gefühl, aus einer Dose zu trinken, nicht und benutze schon immer lieber Flaschen bzw. trinke aus einem Glas.
Unser Dosenproblem trat im Sommerurlaub in
Erscheinung, den wir letztes Jahr in Italien verbrachten. 
An einem Abend gingen wir mal wieder mit unseren
zwei Mädchen und ihrem kleinen Bruder gemütlich italienisch Essen. Es
war sehr warm und wir bestellten rasch unsere Getränke. Halb verdurstet saßen
unsere zwei Mäuse am Tisch und beäugten skeptisch die neben ihre Gläser
gestellten Dosen mit Fanta. Im ersten Moment war uns nicht klar, in welchem
Dilemma die beiden steckten. 
Unsere Kinder kamen bis dato noch nie
wirklich mit dem Objekt “Dose” in Berührung. Dieser Sachverhalt wurde
uns aber erst richtig bewusst, als unsere Große (10) vorsichtig fragte, wie man
denn die Dosen öffnet. Nach einer kurzen Erläuterung der Vorgehensweise, gelang
es beiden rasch die Dosen zu öffnen und sie hatte richtig Spaß dabei. 
Wer jetzt denkt, Problem gelöst, alles
prima, der hat weit gefehlt. 
Unsere Kleine (5) wollte nun – ganz große
Dame – ihr Glas selbst befüllen. Allerdings hielt sie die Dose mit der Öffnung
nach oben über das Glas und wir konnten gerade noch so ein Malheur verhindern.
Zum Glück ging alles gut, die Kinder hatten ihren Spaß und mussten nicht vor der
geschlossenen Dose verdursten. 
Diese kleine Urlaubsepisode zeigte uns,
wie schnell Wissen oder Handlungsweisen aus unserem Alltag verschwinden. Dinge,
die für uns Eltern normal sind, automatisch ausgeführt werden, sind vielen
unserer Kinder unbekannt. Tauchen bestimmte Produkte im Alltag nicht mehr auf,
werden entsprechende Handgriffe oder Gegenstände nicht mehr benötigt. Unsere
Kinder kennen diese Dinge oder Handlungsweisen nur noch aus Erzählungen,
Büchern oder von Bildern. 
Erschreckend ist, dass wir gar nicht
bemerken, wie Dinge verschwinden. Wir sprechen darüber und wenn Kinder nicht
nachfragen, wird uns gar nicht bewusst, dass ihnen das Wissen z. B. über das
Öffnen einer Getränkedose verloren geht.
Gut, das Öffnen einer Dose ist nicht
unbedingt Lebenswichtig, doch die Situation an sich hat uns nachdenklich
gestimmt. Wir müssen unsere Kinder dazu erziehen, Neugier zu entwickeln und sich nicht
zu scheuen, Fragen zu stellen. Auch wir Erwachsenen sollten mit offeneren Augen
durchs Leben gehen und überlegen, welches Wissen wir unseren Kindern vermitteln
möchten. 
Es geht nicht nur um das Schulwissen, sondern Wissen um Dinge, die unseren Alltag ausmachen und mit denen wir oft auch persönliche Erinnerungen
verbinden. So simpel uns diese Dinge im Moment erscheinen mögen, dürfen sie nicht verloren gehen. Sonst findet man sie bald nur
noch in Geschichtsbüchern beschrieben vor und irgendwann verschwinden sie vielleicht
ganz. Das Bedauern kommt dann oft zu spät.

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